Veranstaltungsreihe in Potsdam

Termine

16. November, 20:00 Uhr – Zeppelinstr. 26:
Film: „Luther fuck off – von der Freiheit des Christenmenschen“

von Mike Spike Froidl aka Don Chaos (D 2017), Ostdeutschlandprämiere mit dem Regisseur.

»Martin Luthers rück­sichts­loser Kriegszug gegen Menschen­rechte, Hexen,
Täufer, Behin­derte und Juden. Dieser Film behandelt Luthers ‚dunkle Seiten‘,
die meist wegge­lassen, nur ange­deutet oder verharm­lost werden.
Formal ist dieser Film auch ein Novum: Es sind zwei Filme: einer aus der Sicht
einer sozia­lis­ti­schen DDR-Produk­tion und einer Hollywood-Action Version,
welche sich zu einem Ganzen ergänzen. In diesem furiosen Film wird nicht nur die
Historie, sondern auch die Folgen Luthers Schriften und Aussagen bis in die
jüngste Gegenwart darge­stellt. Ein Wirken, das über den dreißig­jäh­rigen
Krieg über das Dritte Reich bis zum heutigen Kapi­ta­lismus fort­be­steht.

Mehr Infos zu Mike Spike Froidl hier.

 

08. Dezember, 19 Uhr – Buchladen Sputnik

Buchvorstellung „Arbeit macht frei?“

Klaus Thörner – Von Luther bis Hitler: Deutscher Arbeitswahn und Judenhaß

Warum prangte die zynische Parole „Arbeit macht frei“ auf den Eingangstoren der
Konzentrations-, Arbeits- und Vernichtungslager Auschwitz, Dachau, Sachsenhausen
und Flossenbürg? Warum wurden Jüdinnen und Juden vor ihrer Ermordung im
Nationalsozialismus oftmals zu sinnlosen Arbeiten gezwungen? Aus welchen Motiven
initiierten die Deutschen das Programm „Vernichtung durch Arbeit“? Grundlegend
für den deutschen Arbeitsbegriff, der im Zentrum der nationalsozialistischen
Ideologie stand, ist die dichotomische Trennung von „schaffenden und raffenden
Kapital“, sowie „ehrlicher und unehrlicher Arbeit“. Lässt sich bis heute ein
spezifisch deutscher Antisemitismus, der mit einem spezifisch deutschen Berufung
zur Arbeit korreliert, behaupten? Und besteht eine Kontinuität, ausgehend von
der Reformation und den Schriften und Predigten Martin Luthers, der dem Volk
auf’s Maul schaute und bereits 1543 zum Niederbrennen der Synagogen aufrief?

All diesen Fragen versucht, Klaus Thörner, u. a. Autor des Buches „Der ganze
Südosten ist unser Hinterland“, in seiner Denkschrift anlässlich des 500.
Jahrestages der Reformation nachzugehen.

07.06. 19 Uhr – Haus2 Freiland
Kritik der Religin
3 stündiger Workshop zur Religionskritik von Jimmy Boyle
26.05. 15-18 Uhr – Alter Markt
Kundgebung
„Dem Kirchentag den Marsch blasen – gegen protestantischen Arbeitsethos und den Wiederaufbau der Garnisonkirche“

 

25.05. 18 Uhr – Glockenspiel
Open Air Vortrag mit direkter Hörprobe
Ausseinandersetzung mit dem evangelischen Klassiker und Melodiegeber des Glockenspiels der Garnisionkirche „Üb immer treu und Redlichkeit“
05.05. 19.30 Uhr – Buchladen Sputnik
„Luther auf das Maul schauen“
Revolution und Reformation in Mitteleuropa. 500 Jahre Reformation und Luther sind mehr als zuviel. Für eine kritische Auseinandersetzung mit „Deutsche Helden“. Vortrag von Daniel Kulla

Wir hoffen, wir werden Euch den Tag versaut haben…

Evangelischer Kirchentag. Das ist so ein Event, mit dem man eigentlich nichts zu tun hat, von dem man aber eine Vorstellung hat. Menschen vom eigenen Gutsein beseelt treffen sich, es wird gesungen und biodynamisches Brot verzehrt, alle haben sich ganz schrecklich lieb – „mit Apfelsaft und Butterkeks, junge Christen unterwegs“, so in etwa. Wenn man nichts damit zu tun hat macht man einen großen Bogen drum, aber nix worüber man sich aufregen müsste. Tun wir aber doch. Warum?

In diesem Jahr kommt der Evangelische Kirchentag auch nach Potsdam. Und das hat Gründe. Und zwar keine Guten. Denn im Jahre 2017 feiert die Evangelische Kirche quasi ihr 500jähriges Gründungsdatum, das sie im Thesenanschlag Martin Luthers und dem damit in Gang gesetzten Abspaltungsprozess von der katholischen Kirche verortet.

Und so ist Martin Luther aller Orten präsent. Allerdings auf eine höchst oberflächliche Art und Weise. Als deftig speisender und fluchender Lebemann, der die deutsche Sprache mit seiner Bibelübersetzung prägte und, naja irgendwie am Rande, aber das müsse man im Kontext der Zeit sehen und dürfe es nicht überbewerten, irgendwie auch ein Problem mit Juden (und Frauen und den gegen Leibeigenschaft und Frondienst revoltierenden Bauern) hatte.

Denn der Fundamentalismus und die Brutalität der Lutherschen Äußerungen, sein Juden- und Frauenhass und seine wahnhafte Apokalyptik passen nicht in das Marketingkonzept von Weltoffenheit, Toleranz und Friedfertigkeit, auf das sich Stadt und Kirche heute gerne berufen.

Luther über Frauen:

„Wer mag alle leichtfertigen und abergläubischen Dinge erzählen, welche die Weiber treiben. Es ist ihnen von der Mutter Eva angeboren, dass sie sich äffen und trügen lassen.“ und „Der Tod im Kindbett ist nichts weiter als ein Sterben im edlen Werk und Gehorsam Gottes. Ob die Frauen sich aber auch müde und zuletzt tot tragen, das schadet nichts. Lass sie nur tot tragen, sie sind darum da.“

In dem von der Stadt Potsdam organisierten Programm „Stadt trifft Kirche“ z.B., das eine städtisch unterstütze Werbe- (sprich Missions-)kampagne für die evangelische Kirche darstellt, sind ein paar mehr oder (eher) weniger kritische Vorträge zu Luther und zur Reformation locker eingestreut zwischen Kirchenkonzerte, Ausstellungen und Lichtinstallationen, die den Blick auf das eigentliche Geschehen verstellen.

Denn die „unappetitlichen Äußerungen“ Luthers sind nicht von der Rolle, die er und die Reformation für die Herausbildung der deutschen Nation und des deutschen Nationalismus spielten, abtrennbar.

Luther über die aufständischen Bauern:
„Weil sie aber diesen Gehorsam brechen mutwilliglich und mit Frevel und dazu sich wider ihre Herren setzen, haben sie damit verwirkt Leib und Seel.“ … „Drum soll hier zuschmeißen, wurgen und stechen, heimlich oder offentlich, wer da kann, und gedenken, daß nichts Giftigers, Schädlichers, Teuflischers sein kann denn ein aufruhrischer Mensch, gleich als wenn man einen tollen Hund totschlagen muß: Schlägst du nicht, so schlägt er dich und ein ganz Land mit dir.“
„Der Esel will Schläge haben, und der Pöbel will mit Gewalt regiert sein. Das wußte Gott wohl; drum gab er der Obrigkeit nicht einen Fuchsschwanz, sondern ein Schwert in die Hand.“

Mit Luther begann der Prozess der deutschen Nationswerdung und des deutschen Nationalismus. Die Trennung von der universalen katholischen Kirche, der ideologischen Institution, die das Mittelalter bestimmte, war notwendiger Teil der Umformung feudaler Territorien in Nationalstaaten und der Herausbildung der kapitalistischen Wirtschaftsweise.

Luther, der den Antisemitismus und die Ablehnung des Aufstandes gegen die weltliche Obrigkeit, den Hass auf jede Emanzipationsbemühung im Hier und Jetzt, zu zentralen Bestandteilen des reformierten christlichen Glaubens machte, gab der Formierung dieser deutschen Nationalstaatlichkeit einen Impuls in eine bestimmte Richtung. In eine Richtung, die im preussischen Obrigkeitsstaat zu sich selbst kommen sollte.

Luther über Juden
„Erstlich, dass man ihre Synagoga oder Schulen mit Feuer anstecke … Zum anderen, dass man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre … Zum dritten, dass
man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein … Zum vierten, dass man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, hinfort zu lehren … Zum fünften, dass man den Juden das Geleit und Straße ganz und gar aufhebe … Zum sechsten, dass man … nehme ihnen alle
Barschaft und Kleinod an Silber und Gold und lege es beiseite zum Verwahren … Zum siebten, dass man den jungen starken Juden und Jüdinnen in die Hand gebe Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rocken, Spindel und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiß der Nasen … “

Zentrales Symbol dieses Obrigkeitsstaates, mit seiner Einheit von Thron und Altar, mit seinem in feudalen Formen gezwängten Kapitalismus, der kein selbstbewusstes Bürgertum hervorbrachte, war die Potsdamer Garnisonkirche. Deren Beseitigung 1945 und 1968 war ein symbolischer Angriff auf die Machtstellung der evangelischen Kirche.

Und so lieb und nett die Christ_innen an der Basis auch sein mögen – die Führungsebene hat diesen temporären Machtverlust in einem Teil Deutschlands nie verziehen. Als Symbol des finalen Sieges über die gotteslästerlichen Roten, in denen sie immer noch Luthers „räuberische und mörderische Rotten“ der aufständischen Bauern sehen, soll diese Kirche wiederauferstehen.

Aus diesem Grund billigte die Bundesregierung diesem Projekt eine „nationale Bedeutung“ zu, die es weder in technologischer noch ästhetischer Hinsicht hat. Dieser Aufbau soll im Herbst 2017 beginnen. Und der Kirchentag ist die vorgezogene Feier des Baubeginns.

Der Kirchentag in Potsdam, das ist die Versöhnung der evangelischen Kirche mit ihrer Tradition und Herkunft – eine Versöhnung, die wir zu stören gedenken.